Leseabend: Wie sich in der Familie Perspektiven verändern können

Sie wollte gerne anonym bleiben. Zumindest im Netz. Das haben wir respektiert. Dennoch hat sie sich live und in Farbe zu einem Diskussionsabend bereiterklärt. Denn viele Menschen haben auf ihren Beitrag reagiert – ein trauriger Beitrag über den Autounfall ihres Bruders, der seitdem im Wachkoma ist. Allein zu diesem Thema kann man schon einen ganzen Abend reden. Wie eine Familie damit umgeht, wie man mit einem Menschen im Wachkoma umgeht, dass in diesem Fall eine Kontaktaufnahme dann doch möglich ist und wie man mit den eigenen (Kontroll-)ängsten konfrontiert wird, wenn man sich vorstellt, über den eigenen Körper keinerlei willentliche Kontrolle mehr zu haben. Und das war zunächst auch ein ausgiebiger Teil des Gesprächs zwischen den vier Gästen und der Rednerin, nennen wir sie heute Gabriele.

Gabriele berichtete über traurige Moment, aber auch über kleine Fortschritte, die Mut machen. Über die Fähigkeit ihres Bruders zu lachen und über die vielfältigen Möglichkeiten in seinen Augen Dinge abzulesen und so eben doch in Kontakt zu treten.

Das eigentliche Thema war aber ein kleines Detail, was sich durch den Autounfall verändert hat und was Gabriele auch erst in der Rückschau so richtig wahrgenommen hat. Der Blick der Familie auf ihren makelbehafteten, weil dicken, Körper hat sich verändert. Was vor dem Unfall für die Familie ein Problem war, war nach dem Unfall total nebensächlich. Und so berichtete sie auch lebendig insbesondere vom Umgang mit ihrer Mutter: Früher wurde ich immer wieder auf die gesundheitlichen Gefahren des Gewichts angesprochen, Diätvorschläge waren an der Tagesordnung und natürlich hat meine Mutter vollen Stolzes ihren Körper präsentiert, den sie doch super im Griff hat. Nach dem Unfall war das plötzlich total nebensächlich. Kritisch muss ich sagen, dass auch ich erstmal nebensächlich war. Logisch, mein Bruder stand im Rampenlicht, es drehte sich erstmal alles um ihn. Aber auch nachdem sich die Sache etwas beruhigt hatte, war mein Gewicht nie wieder Thema. Ich hatte einfach das Gefühl, dass es plötzlich für alle nebensächlich geworden war. Für mich war es das früher auch schon und auch mich hat der Unfall darin bestätigt, mein Leben zu leben und zu lieben, so wie es gerade ist. Es kann einfach schneller zu Ende sein oder sich komplett verändern, als wir uns das vorstellen können. 

Es wurde ein offener Abend im Gespräch über Körperbilder, aber eben auch um den Umgang mit schwerbehinderten Menschen, die – da war sich Gabriele sicher – auch noch viel Freude am Leben erleben. In ihrer Art und auf ihre Weise, die für uns in unserem Bewusstsein manchmal schwer nachzuvollziehen sind. Da sind die Schwierigkeiten, die schlanke Menschen haben, wenn sie sich vorstellen, in einem dicken Körper zu leben, geradezu Peanuts dagegen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s