Gesund leben – unabhängig vom Gewicht

Übergewicht wird in unserer Gesellschaft automatisch mit ungesund gleichgesetzt. Das zusätzliche Gewicht wird verantwortlich für viele Krankheiten  und eine geringere Lebenserwartung gemacht. In der Folge verbringen viele, viele Menschen ihr Leben damit, das eigene Gewicht unter Kontrolle zu halten, zu verringern und zu bekämpfen. Denn nur so können wir lange leben.

Ist das wirklich so? Stimmen diese Aussagen oder sitzen wir hier einem Mainstream auf, der sich durch ernstzunehmende wissenschaftliche Untersuchungen nicht bestätigen lässt? Ernstzunehmend, weil Studien mit einer ausreichend großen Gruppe und Kontrollgruppe durchgeführt wurden. Über einen längeren Zeitraum. Und nicht finanziert durch Interessen- und Wirtschaftsgruppen, die bereits im Vorfeld wissen, an was sie verdienen und was für uns gut ist: Die Gewichtsreduktion.

Haben dicke Menschen per se eine andere Lebenserwartung als Menschen mit weniger Gewicht? Ja. Oder? Nein, überraschenderweise nicht. Das Gewicht ist kein Indikator für die  Lebenserwartung. Wesentliche Faktoren, die die Lebenserwartung erhöhen, sind folgende Faktoren:

  • Angemessene und lustvolle Bewegung
  • Mäßiger Konsum industriell hergestellter Lebensmittel
  • Wenig Stress

Bevor ich jetzt einige Studien vorstelle und in die Statistik einsteige, vorab einige grundsätzliche Worte zu Wahrscheinlichkeit, Statistik, Schicksal und Schuld. Studien erwecken in uns oft den Eindruck, Du musst das und das tun, dann wirst Du gesund sein. Quatsch! Maximal erhöhst Du die Wahrscheinlichkeit, gesund zu sein, die sich aus statistischen Werten ergibt. Das Schicksal kann auch anders zuschlagen. Du kannst Dich Dein Leben lang ungesund verhalten (nach welchen Studien auch immer) und lebst trotzdem glücklich und gesund ein langes Leben. Und Du kannst jede Studie akribisch befolgen und plötzlich bist Du trotzdem krank. Unser Leben ist nicht planbar, wir können maximal die Wahrscheinlichkeit erhöhen. Die Crux ist, dass beim Thema Gewicht ganz viele Schuldgefühle ins Spiel kommen. Wenn ich jetzt nicht abnehme, werde ich später krank werden und daran bin ich dann ganz alleine schuld. Kennst Du diesen Gedanken? Wenn ja, er ist fies. Und ein Phänomen einer Gesellschaft, die versucht, alles unter Kontrolle zu haben und Schicksalsschläge nicht als solche solidarisch anzugehen, sondern dies wenn möglich dem einzelnen „Schuldigen“ zur Last zu legen.

Auch die Studien, die im Anschluss vorgestellt werden, sind zunächst nur Aussagen über die Wahrscheinlichkeit eines gesunden, langen Lebens. Natürlich gibt es auch Menschen, die dies alles nicht machen und trotzdem gesund und munter ein langes Leben leben. Und wahrscheinlich auch welche, die ihr Leben lang akribisch jede Kalorie zählen und damit sehr alt werden. Letztlich stecken wir nicht drin.

Die andere Seite aber auch nicht. Die andere Seite? Damit meine ich Ärzte, die mit einer schlichten Blickdiagnose Dein Gewicht als Dein größtes Problem ausmachen. Damit meine ich die Diätindustrie, die mit der Verheißung der Gewichtsabnahme viel Geld verdient und damit meine ich viele andere wohlmeinenden Stimmen, die zu unserem eigenen Besten und wegen unserer Gesundheit meinen uns unerbetene und nicht funktionierende Ratschläge zu erteilen. Und damit meine ich vielleicht auch Dich selber. Weil Du Dir selbst Vorwürfe machst und Dir die Schuld daran gibst, das eigene Leben (=Gewicht) nicht unter Kontrolle zu haben.

Diese andere Seite versteckt sich schnell hinter Zahlen und Statistiken. Sie reden auch ungern über dicke Menschen, sondern reden von Übergewicht, Adipositas und anderen medizinischen Begriffen. Dabei wird oft übersehen, dass es sich um Menschen handelt. Die Epidemie, vor der sie warnen, ich bin ein Teil davon.

Eine Hauptzahl, die dafür herhalten muss, ist der sogenannte Body Mass Index. Einst überhaupt nicht entwickelt, um als gesundheitlicher Maßstab zu fungieren, sondern um Menschen in Kategorien für eine Versicherung einzuteilen. Über diese Sinnhaftigkeit kann man bereits streiten, aber den Body Mass Index als Gesundheitskriterium zu führen, macht überhaupt gar keinen Sinn. Trotzdem werden alle wissenschaftlichen Studien nach dem BMI geführt und entsprechend brauchst Du vielleicht die Formel, um auszurechnen, welchen Body Mass Index Du hast. Aber die Zahl sagt genauso viel aus über Dich, wie die Quersumme aus Deiner addierten Postleitzahl und Hausnummer. Deinen BMI kannst Du errechnen, indem Du Dein Gewicht durch Deine Größe im Quadrat teilst. Nur damit Du auf eine passende Zahl kommst. Wie gesagt, in meinen Augen ist diese Zahl als Indikator für Gesundheit nicht brauchbar. Zumal sie nicht erheben kann, wie kräftig jemand gebaut ist und wieviel Muskelmasse vorhanden ist. Alles Faktoren, die schwer, aber nicht krank machen. Wenn Gewicht oder Fettmasse überhaupt krank machen kann.

Welche Seite hat nun aber Recht? Wenn man einen Arzt fragt, auf welche wissenschaftlichen Studien er sich beruft, wird man zunächst meist ausweichende Antworten und Allgemeinplätze zu hören bekommen. Einige wenige Ärzte, die genauer untersucht haben, welche Studien in welcher Ernsthaftigkeit durchgeführt wurden, kommen zum Ergebnis, dass es kaum seriöse Studien gibt. Die wenigen seriösen und damit auch meist groß angelegten Studien kommen dann zu überraschenden Ergebnissen, die unser Thema in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen.

Viele andere Studien sind eher interessensgeleitet, zahlreiche davon werden von der Pharma- und Diätmittelindustrie finanziert. Unterstützt werden sie – ob bewusst oder unbewusst sei mal dahingestellt – von den Medien, die falsche Schlagzeilen übernehmen, eben weil es eine Schlagzeile werden kann.

Ein drastisches Beispiel habe ich bereits kurz erwähnt: Die Dicken-Epidemie. Plötzlich wurde aus Übergewicht eine Massenkrankheit, die für einige Wochen oder gar Monaten immer wieder die großen Überschriften der einschlägigen Tagespresse bestimmt hat. Wie kam es dazu?

Warum es immer mehr Dicke gibt

In den USA war durch mehrere groß angelegte wissenschaftliche Studien nachgewiesen worden, dass die Lebenserwartung erst ab einem BMI von 40 und mehr sinkt. Es wäre also eigentlich sinnig gewesen, das Risiko durch Übergewicht vom BMI 30 auf 40 hochzusetzen. Stattdessen wurden an einem Tag Millionen von Menschen zur Risikoklasse Adipositas hinzugezählt.  Sie wurden sozusagen über Nacht dick. Denn die riskante Schwelle für Übergewicht wurde auf ein BMI von 25 zurückgestuft. Warum das? Gegen alle Studien? Linda Bacon ist dem nachgegangen und fand erstaunliches heraus: Die US-amerikanische Regierungskommission war gebeten worden, der WHO (Weltgesundheitsorganisation) nicht in den Rücken zu fallen und diese hatte einige Zeit davor diese Zahlen so angepasst. Und wer war für diese Senkung verantwortlich? Die International Obesity Task Force – eine wissenschaftliche Organisation. Auf den ersten Blick. Wenn man schaut, woher diese ihre Fördermittel erhalten, wird vieles klarer. Wesentliche Gelder kommen aus der Pharmaindustrie, konkret Hoffmann-La Roche (Hersteller des Gewichtsabnahmemedikaments Xenical) und Abott Laboratories (diese stellen ein ähnliches Medikament namens Meridia her). Weiterhin kommen zahlreiche Gelder von Firmen, die an Gewichtsoperationen verdienen. Noch Fragen?[1] Auch in Deutschland hatten diese Zahlen der WHO Einfluss, erst seitdem die Bemessung für Übergewicht auf ein BMI von 25 gesenkt wurde, hatten wir es hier mit Schlagzeilen wie „Epidemie Übergewicht“ oder „Die Deutschen werden immer dicker“ zu tun. Denn auch in Deutschland wurden Menschen über Nacht als dick eingestuft, die sich selbst wahrscheinlich gar nicht als dick bezeichnen würden.

 Dicke und dünne Lebenserwartung

Unbenannt

Kommen wir zurück zu der Frage der Lebenserwartung. Denn was ist schon ein zu hoher Cholesterinspiegel oder Bluthochdruck, wenn man damit gut alt werden kann? Was also sagen Studien zum Thema Lebenserwartung aus? Macht es einen Unterschied aus, ob man mehr wiegt oder weniger? Überraschend, oder? Der Unterschied liegt im Bereich der Bewegung. In der Frage, wie fit man ist. Dicke fitte Menschen haben ein minimales Risiko früher zu sterben, als die Kontrollgruppe der normalgewichtigen, fitten Menschen. Weniger fitte Menschen erhöhen ihr Risiko dagegen erheblich, allerdings auch schon bei normalgewichtigen Menschen, wenn auch nicht so stark wie bei Menschen mit mehr Gewicht.

Dies sind die Ergebnisse einer groß angelegten Studie[2] mit 25.000 erwachsenen Männern, die von 1970 bis 1994 durchgeführt wurde. Dabei musste in regelmässigen Abständen der Fitnesslevel nicht selbst eingeschätzt, sondern auf einem Testrad nachgewiesen werden, auch das Gewicht wurde vor Ort ermittelt und nicht einfach selbst angegeben. Für mich waren diese Ergebnisse faszinierend und ich weiß, dass diese Studie auch bei vielen anderen dicken Menschen sehr entlastend gewirkt hat. Diese ganze Sorge um unser Gewicht hat nichts mit einer verringerten Lebenserwartung zu tun. Wir können einfach dick bleiben und ein gesundes Leben leben. Allein Bewegung ist wichtig und wenn wir diese so gestalten, dass man sie nicht tut um abzunehmen, sondern um Spaß zu haben, dann verändert sich auch hier die Zielstellung und Spaß am eigenen Körper wird wieder ganz anders möglich. Nun könnte man natürlich sagen, was ist schon eine einzige Studie, es gibt zig Studien, die was anderes beweisen. Natürlich gibt es zahlreiche Studien, die das Gegenteil beweisen wollen, aber hier ist es gut und manchmal leider auch sehr aufwendig, sich das Studiendesign anzuschauen. Aber jenseits anderer Studien gibt es noch einige großangelegte Studien, die zu ähnlichen Ergebnissen kommen, bzw. das Thema Gewicht in einem deutlich entspannteren Licht erscheinen lassen.

Eine Langzeit-Studie über 25 Jahre und mit 570.000 untersuchten Personenjahren hat in den USA herausgefunden, dass Menschen mit einem BMI zwischen 25 und 30 (hier kategorisiert mit „Overweight“) ein tendenziell geringeres Risiko haben, an bestimmten Krankheiten wie Herzerkrankungen, Krebs und anderen Krankheiten zu sterben.[3] Spannend oder? Gerade bei Herzerkrankungen wird systematisch das Gegenteil behauptet.

Es gibt noch weitere Langzeitstudien, die alle zu ähnlichen Ergebnissen kommen und die den Mainstream Lüge strafen:

  • 2010 hat eine Studie in Kanada nachgewiesen, dass ein erhöhtes Todesrisiko, für Menschen mit einem BMI von 19,5 bis 34,9, nicht signifikant festgestellt werden kann. Und interessant dabei, Menschen mit einem BMI größer 35 haben immer noch ein geringeres Risiko früh zu sterben, als Menschen mit einem BMI unter 19. In der Studie in Kanada wurden 12.000 Frauen und Männer über einen Zeitraum von 12 Jahren begleitet. SILVER SPRING, 2010
    • In einer 7-jährigen Studie mit 90.000 Frauen konnte ein Zusammenhang zwischen Übergewicht und erhöhtem Sterberisiko nicht nachgewiesen werden. McTigue u.a., JAMA, 2006
    • Farrell u.a. untersuchten über 9.000 Frauen über einen Zeitraum von 11 Jahren und konnten auch hier kein erhöhtes Todesrisiko in Zusammenhang mit Übergewicht nachweisen. Obesity Res, 2002
    •  In einer Studie mit Senioren konnte in der Physicians Health Study kein schädlicher Effekt für übergewichtige Männer (BMI 25-<30) festgestellt werden. Erforscht wurde die Wahrscheinlichkeit, das 90ste Lebensjahr zu erreichen. Yates u.a, Arch Int Med, 2008
    • In China wurde eine richtig große Studie durchgeführt mit 170.000 Erwachsenen, die über einen Zeitraum von 9 Jahren untersucht wurden. Guu.a. fanden heraus, dass das Todesrisiko unter Menschen mit Übergewicht geringer ist, als das für Menschen mit Normalgewicht. JAMA, 2006
    • In Finnland wurden über 2.000 Männer und Frauen in einem Alter zwischen 35-63 über 16 Jahre lang untersucht. Hier fand sich das geringste Todesrisiko bei übergewichtigen Männern und Frauen.   Haapenen-Niemi et al, Int J Obesity, 2000
    • Engeland u.a. analysierten in Norwegen die Gesundheitsdaten von 2 Millionen Norwegern, im Alter zwischen 20 und 74, bei welchen Größe und Gewicht über einen Zeitraum von 22 Jahren dokumentiert und beforscht wurden. Aufgrund ihrer Ergebnisse forderten die Forscher, dass das BMI für Normalgewicht auf 25 – 30 hochgesetzt werden soll, weil in den BMIs unter 25 das Todesrisiko höher läge als bei übergewichtigen Menschen.Epidemiology, 2003

Wenn man sich diese Daten anschaut, kann man schon sehr ärgerlich werden. Wenn man sie nämlich in Bezug setzt, zu Vorurteilen und Urteilen, die dicken Menschen in der Gesellschaft aber eben auch im medizinischen Umfeld begegnen. Dann wird deutlich, dass wir jenseits wissenschaftlicher Erkenntnisse behandelt werden und uns behandeln lassen.

Gewicht ist kein grundsätzlicher Indikator für Krankheit oder Gesundheit. Er kann eine Rolle spielen, muss es aber nicht. Und in den meisten Fällen tut er es eben nicht. Spannend sind Möglichkeiten für den eigenen individuellen gesunden Lebensstil. Dies gilt für alle Menschen, egal wieviel sie wiegen. Und es kann sein, dass ein dicker Mensch einen deutlich gesünderen Lebensstil lebt, als ein Mensch mit deutlich weniger Gewicht. Gewicht ist eben nicht ein Indikator dafür. Diese Liste lässt sich verlängern, spannend ist außerdem, dass es keine Studie gibt, die mit einer ausreichend großen Zahl an Probanden das Gegenteil nachweist.

Diesen Text hat Gisela Enders leicht gekürzt aus ihrem Manuskript für das Buch „Wohl in meiner Haut“ für unsere Seite zur Verfügung gestellt. Das Buch wird im Juni erscheinen.  


[1] Linda Bacon, Health at every size, S. 153- 154, Dallas 2010

[2] Wei M et al (1999). Relationship between low cardiorespiratory fitness and mortality in normal-weight, overweight, and obese men. JAMA, 282(16): 1547-1553.

[3] Flegal KM et al (2007). Cause-specific excess deaths associated with underweight, overweight and obesity. JAMA,298(17):2028-2037.

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