Dick, lesbisch und sehbehindert – Diskriminierung kommt leider überall vor

Innerhalb der Bewegung von dicken Menschen wird oft postuliert, dies sei die letzte Gruppe, die man hemmungslos diskriminieren könne. Sie habe keine Lobby und niemand fände es dramatisch, wenn dicke Menschen als faul oder unkontrolliert stigmatisiert werden. Ich möchte da einen kleinen Kontrapunkt setzen. Nicht, dass ich sagen will, dass dies nicht der Fall ist. Sondern das diese Ausschließlichkeit ein Anspruch ist, der sich aus der Perspektive dicker Menschen so ergeben kann, der sich aber aus anderen Perspektiven anders darstellt. Ich bin gleich in mehreren Randgruppen zuhause.

Als dicke Frau erfahre ich Stigmatisierung im Anspruch von Ärzten, ich solle meinen Körper verändern, um gesund leben zu können. Als dicke Frau komme ich in der (medialen) Gesellschaft so gut wie nicht vor, meine (Vor-)bilder, meine Community und entsprechende soziale Zugehörigkeit muss ich mir selber in einer kleinen Nische suchen. Dabei werde ich in der Mainstreamgesellschaft gerne von anderen ausgeschlossen, durch Diätgespräche, dumme Blicke oder andere subversive Formen der Ignoranz.

Als Lesbe erfahre ich aber auch vielfältige Formen von Diskriminierung und Ausgrenzung. Oberflächlich hat sich hier in den letzten Jahren durchaus etwas verändert. Schwule und Lesben haben deutlich mehr Rechte erhalten und dies ist zunächst auch erstmal ein Erfolg. Aber das heißt noch lange nicht, dass sich diese formalen Rechte im Alltagsleben niederschlagen. Ich werde nach wie vor als Lesbe in bestimmten Lebenslagen schief angeschaut, ich erfahre keine selbstverständliche Behandlung im Alltag und muss mich immer wieder für meine Rechte einsetzen. Und bin – wenn ich mit meiner Partnerin unterwegs bin – auch nicht gefeit von dummen Bemerkungen oder Blicken, bei denen ich natürlich in meiner Dreifachbelastung nicht genau sagen kann, auf was sich mein Gegenüber bezieht. Möglicherweise ist es die Mischung. Denn neben diesen beiden Merkmalen bin ich auch noch sehbehindert und trage eine auffällige Brille und brauche hier und da Hilfe, um mich in meiner Umwelt zu orientieren.

Nun bin ich sehbehindert – nicht geistig behindert! Diese beiden Fähigkeiten voneinander zu trennen, ist für viele Menschen unglaublich schwer. Da wird meine Begleiterin angesprochen, weil man wissen will, was ich essen will. Da werde ich in einer Kindersprache angesprochen oder mein Gegenüber brüllt mich munter an, weil es da die Verbindung geben muss, dass mein Gehör bestimmt auch nicht funktioniert.

Sicherlich habe ich als behinderte Frau die meisten Rechte, ich habe einen Schwerbehindertenausweis, ich habe eine Stelle, bei der mein Arbeitgeber die Schwerbehindertenabgabe spart, dafür dass er mich angestellt hat. Ja, ich bekomme sogar mehr Urlaub. Das sind alles gesetzliche Regelungen, die anerkennen, dass ich es irgendwie schwerer im Leben habe, als andere. Aber eigentlich schwer machen es für mich überwiegend die Anderen. Die, die mit mir umgehen und die dabei meist unbedacht und bestimmt nicht mit böser Absicht dennoch mir das Gefühl als behinderte Frau geben, nicht dazuzugehören.

Wie jetzt mit drei „Benachteiligungsmerkmalen“ umgehen? Ich habe das für mich mit sehr viel Humor gelöst, mit möglichst viel Selbstbewusstsein und glücklicherweise einem kleinen aber sehr verlässlichen und liebevollem Umfeld, in welchem ich bedienungslos dazugehören darf.

Um aber auf meine Eingangsthese zurückzukommen: Ich kann für mich nicht erkennen, dass ich nicht auch als lesbische und behinderte Frau stigmatisiert werde. Das mir Merkmale angehängt werden oder Dinge angenommen werden, die einfach nichts mit mir zu tun haben. Fast fände ich es toll, wenn dies nur dicke Menschen für sich in Anspruch nehmen könnten. Denn das würde ja bedeuten, dass andere sogenannte Randgruppen schon viel weiter wären. Dies würde ich eher hoffnungsfroh sehen, im Sinne von, dann schaffen dicke Menschen das auch noch. Aber so ist es leider nicht. Die Rhetorik mag sich hier und da etwas verändert haben, sicherlich haben behinderte und homosexuelle Personen auch mehr Lobbyorganisationen, die sich um die entsprechenden Belange kümmern. Aber im alltäglichen Leben kann ich leider keinen Unterschied ausmachen.

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