Übergewichtig im Rollstuhl

Gisela hat mich schon vor einiger Zeit gebeten, über meine Situation zu schreiben. Aber es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich mich tatsächlich an meinen Rechner gesetzt habe. Denn was soll ich schreiben? Ich bin übergewichtig, das war ich auch vor meinem Autounfall. Seit diesem Unfall vor drei Jahren sitze ich nun auch noch im Rollstuhl und habe seitdem auch einiges an Gewicht zugenommen. Ein schlimmes Schicksal? Ja und nein. Ich hätte auch tot sein können.

In den Sekunden des Unfalls, danach eingeklemmt im Fahrzeug und dann auf dem langen Weg zur Genesung gab es einfach viele Momente, die waren nah zwischen Tod und Leben. Das waren Momente, in denen ich manchmal das Gefühl hatte, ich muss mich jetzt entscheiden. Das können die Ärzte nicht alleine schaffen – entweder ich will leben oder ich will sterben. Und ich war nicht sicher! Ich kann nicht behaupten, dass es einen unbedingten Lebenswillen gab. Aber irgendwann war er dann doch da. Und ich habe mich für´s Leben entschieden. Oder das Leben hat sich für mich entschieden. Ich weiß es nicht genau. Aber was ich weiß, ich kann mein Leben heute mehr als Geschenk begreifen. Natürlich ist alles viel komplizierter, ich bin in vielen Bereichen auf Hilfe angewiesen und sehr viele Türen bleiben mir verschlossen, weil ich mit dem Rollstuhl da einfach nicht hinkomme. Umso mehr geniesse ich das, was ich kann! Das, was geht! Da kann ich mich dann doch deutlich mehr an Kleinigkeiten freuen. An der Frühlingssonne, an einem neuen Schal, an einem guten Gespräch mit einer Freundin. Letzteres ist natürlich insofern schwierig, als das dies nur mit einer kleinen Handvoll von lieben Menschen geht. Der Handvoll, die nicht sprachlos neben mir sitzt und davon ausgeht, dass seit dem Unfall alles ganz furchtbar ist. Es ist unglaublich, wieviele gesunde Menschen ich schon trösten musste, weil ich einen Unfall hatte. Verkehrte Welt.

So, nun aber noch etwas zu meinem Körper, der da gesellschaftlich zwei Macken ausweist. Aufgrund der Verletzung an der Wirbelsäule kann ich meine Beine so gut wie nicht bewegen. Das ist im Augenblick so und die Ärzte machen mir wenig Hoffnung, dass sich dies mal ändern wird. Wobei, wenn ich ganz ehrlich bin, ein Fünkchen Hoffnung bleibt, es könnte ja doch mal irgendein Wunder geschehen. Aber viel machen kann ich daran nicht. Ich kann die Beine mittels eines speziellen Fahrrads bewegen lassen und ich freue mich an manueller Wassertherapie.

Dann ist da mein Körperfett, mein erhöhtes Gewicht. Daran kann ich was machen, aber ich empfinde es als unglaublich schwer. Bewegung, also den Körper fit halten und damit auch was gegen das Gewicht zu tun, ist stark eingeschränkt. Oder sagen wir zweigeteilt. Mein Oberkörper und besonders meine Arme sind schon fit, ich bemühe mich meinen Rolli so oft es geht manuell zu bewegen. Aber abwärts oder auch nur ganzheitliche Bewegung hält sich dann eben doch in Grenzen. Außerdem habe ich nicht wirklich den Eindruck, dass sich die Bewegung, die bei mir geht, auf das Gewicht auswirkt. Dann kann ich weniger essen. Ja, manchmal geht das. Aber wenn ich ehrlich bin, dann ist essen noch etwas, was normal und gut funktioniert und Freude bereitet! Bei einem gemeinsamen Essen vergessen Freunde sogar manchmal das ich im Rolli sitze. Wir sitzen dann ja eh alle am Tisch. Von daher, nein, gerade das gesellschaftliche Essen will ich nicht reduzieren. Das ist Lebensqualität pur.

Natürlich, wenn ich dann abends Hilfe bekomme, um ins Bett zu kommen, dann habe ich manchmal schon ein schlechtes Gewissen. Jedes Kilo muss zwischendurch gehoben werden. Während ich bei meiner Behinderung nicht selber entscheiden kann, ob ich das eine will oder das Andere, bei meinem Gewicht habe ich diese Entscheidung. Bisher habe ich mich immer mehr für die Freude am Leben und am Essen entschieden. Ja und manchmal ein schlechtes Gewissen. Und wenn dann Freunde kommen und sie stellen gutes Essen auf den Tisch, dann ist die Freude so groß, dass das schlechte Gewissen keine Chance mehr hat. Ich glaube, dass ist gut so!

 

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