Sollten dicke Menschen einen Behindertenausweis beantragen dürfen?

Ein Bericht von Monika MannBody&Peace Workshop 2012 Berlin

Dies war die Frage einer Diskussionsrunde, die Dicke e.V. am 18.2.2015 in Berlin durchgeführt hat. Auslöser für die Diskussion war ein Text, der dieseMöglichkeit forderte – zum einen, um sich als dicke Menschen auch besser gegen Diskriminierungen wehren zu können, zum anderen schlicht um das Leben leichter zu machen.  Dieser Text wurde von Gisela – die beim Workshop im November am Text mitgearbeitet hatte – vorgelesen und in Ansätzen die Diskussion dazu wiedergegeben. Sie berichtete auch von weiteren Informationen, die während des Workshops nicht vorhanden waren, wie beispielsweise die Unterteilung in verschiedenen Behindertenklassen und die dabei relativ schwere Prüfung, einen Behindertenausweis wg. Gehbehinderung ausgestellt zu bekommen. Sie stellte auch nochmal die Ursprungsfragestellung vor:  Wie können sich dicke Menschen vor Diskriminierung schützen? Müssen sie so dick werden (und Folgeerkrankungen nachweisen), damit sie als behindert anerkannt werden? Die Frage ist provokant gemeint.

Allein schon, weil auch eine automatische Anerkennung sich ja an einem bestimmten Gewicht bzw. BMI festmachen müsste. Dies würde auch wieder eine Grenze bedeuten, die man dann – für den Ausweis und entsprechenden Diskriminierungsschutz – erreichen müsste. Absurd und zunächst keine Frage, die eigentliche Forderung lautet nicht: Dicke sollen auch als behindert anerkannt werden, sondern dicke Menschen sollen auch so als Menschen vor Diskriminierung geschützt werden.

Im Anschluss an die Einführung stellten sich die Anwesenden vor:

  • Renate stellt sich als dickere Frau vor, die wg. Brustkrebs nun auch in die Gruppe der Schwerbehinderten gehört. Letzteres erwähnt sie eher mit Verwunderung.
  • Paul, Renates Partner sieht man seine Behinderung auch nicht an, er trägt eine Beinprothese.
  • Beate bezeichnet sich als sehr dick, erlebt dadurch auch Einschränkungen gerade in ihrer Mobilität, wäre aber bisher nicht auf den Gedanken gekommen, sich eine Behinderung attestieren zu lassen.
  • Monika, auch dick aber noch sehr mobil und fit. Sie ist in erster Linie hier, weil sie das Thema sozusagen politisch interessiert.
  • Gisela, Autorin und Coach, bei Dicke e.V. aktiv und selber dick. Sie leitet die anschließende Diskussion:

Im Wesentlichen ging es in der Diskussion um zwei Punkte. Einmal um die Frage, wie man als behindert anerkannt wird, welche Vorteile sich dadurch ergeben und ob dies dicken Menschen helfen würde.

Besonders Renate zeigt sich empört über die fast automatische Anerkennung einer 60% Behinderung für ihren Brustkrebs, der für sie – außer dem Umgang mit der Angst – keine wesentlichen körperlichen Einschränkungen bedeutet, während alle Mobilitätseinschränkungen, die dicke Menschen oft erleben, nicht anerkannt werden.

Für sie „bringt“ die Behinderung 5 Tage zusätzlichen Urlaub und die Möglichkeit, sich bei Diskriminierungen auf dem Rechtsweg zu wehren.  Gerne zitiere ich ihr Fazit: „Wahrscheinlich werde ich nie wegen meiner Brustkrebserkrankung diskriminiert werden werde, weil die keiner mitbekommt – aber sehr wahrscheinlich wegen meiner Figur.“

Paul relativiert die Sichtweise ein bisschen, in dem er anmerkt, dass man ja auch nicht bei jeder Erkrankung oder Einschränkung immer genau individuell schauen kann, ob diese tatsächlich behindert oder eben nicht. Das Renate so gut weggekommen ist, sei ja toll, dennoch gäbe es eben auch viele Menschen, die nach einer Brustkrebserkrankung längst nicht mehr so belastbar seien, wie vorher und deshalb gäbe es die 60%. Und logisch, dass er mit seinem amputierten Bein auch 80% Behinderung bekommt. Auch automatisch. „Natürlich schauen Busfahrer manchmal komisch, wenn ich zum Bus renne und dann beim Einsteigen meinen Schwerbehindertenausweis vorzeige“. Aber genau so eine Detailprüfung, was geht und was nicht geht, wäre für den Gesetzgeber kaum zu machen. Ganz zu schweigen von den vielfältigen Betrugsmöglichkeiten.

Paul leitete dann aber auch über zum zweiten wesentlichen Teil der Diskussion am Abend. Fast ein bisschen provokant brachte er vor, dass sich behinderte Menschen über Jahrzehnte gegen ihre eigene Diskriminierung gewehrt haben. Weder das Schwerbehindertengesetz noch die Antidiskriminierungsrichtlinie sind einfach vom Himmel gefallen, so seine These. Und das müssten übergewichtige Menschen auch tun, wenn sie wollen, dass sie nicht als die Deppen der Nation behandelt werden. „Aber , so provoziert er die anderen Teilnehmern gezielt, wer von Euch war den schon mal auf einer Demo, hat Petitionen oder zumindest mal einen Brief an einen Politiker geschrieben?“. Gisela hackt da von Dicke e.V. ein und bestätigt aber letztlich, dass es sehr wenig Engagement gibt. „Wir haben Dicke e.V. als Plattform und Sprachrohr für die Rechte von dicken Menschen gegründet, aber die Unterstützung ist so gering, dass ich und die wenigen Mitstreiter immer nur ganz kleine Projekte stemmen können. Von einer effektiven Lobbyarbeit sind wir meilenweit entfernt.“

Sie berichtet sodann, was es alles für Möglichkeiten geben könnte, sich zu engagieren. Von Anfragen bei Politikern und Gleichstellungsbeauftragen über Onlinepetitionen bis zu Demonstrationen wäre grundsätzlich viel vorstellbar. Beate schränkte diese Vorstellungen gleich ein: „Wenn wir uns aber schämen, uns überhaupt in der Öffentlichkeit zu zeigen, dann wirst Du uns nie dazu bekommen, auf einer Demonstration zu erscheinen.  Wir haben doch immer das Gefühl, selber an unserer Misere schuld zu sein, wieso soll da irgendjemand für uns einstehen und uns schützen?“ Diese Aussage brachte viele kontroverse Gesprächspunkte hervor, von dann ist es halt so, bis zu, wir müssen noch viel mehr dicke Menschen von ihren Schuldgefühlen befreien. Hier machte auch Paul wieder Mut, auch behinderte Menschen hätten sich lange selbst schuldig gefühlt und es hat eine Emanzipierungsbewegung benötigt, um hier mehr für sich selbst einzustehen. Wobei er einräumt, dass behinderte Menschen vielleicht etwas schneller Unterstützung gefunden hätten. „Allein schon aus dem kollektiven Schuldgefühl, dass viele behinderte Menschen in der Nazizeit umgebracht worden sind, hat in der Nachkriegszeit irgendwann dazu geführt, dass wir viel Unterstützung erfahren haben. Aber eben auch selber viel gekämpft haben“.

Gisela fasste das Ergebnis des Abends zusammen – im Sinne von, wir müssen nicht unbedingt für einen Behindertenstatus dicker Menschen kämpfen, sondern eher darum, dass dicke Menschen, egal wie behindert sie sind oder eben nicht, nicht diskriminiert werden dürfen. Dazu gehört auch, dass sie sich selbst nicht diskriminieren.

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