Wie ein Unfall mein Leben als dickes Familienmitglied veränderte

CIMG0260Vor sechs Jahren hatte mein Bruder einen schweren Verkehrsunfall, er ist seitdem schwerstbehindert und kann nicht reden. Der Unfall hat uns alle schwer getroffen, wir sind alle durch eine Trauerphase gegangen, die vergleichbar mit dem Tod eines geliebten Menschen war. Denn die Veränderung, die mein Bruder durchgemacht hat, ist mit einem Abschied von dem sportlichen und lebenslustigen, erfolgreichen Menschen gleichzustellen. Dazugekommen ist ein Mensch im Rollstuhl, der sehr viel Pflege und Aufmerksamkeit braucht und bei dem wir auf der einen Seite die Hoffnung nie aufgeben werden, dass sich doch noch was in seinem verletzten Gehirn tut, auf der anderen Seite aber schon auch dem Wörtchen Erlösung viel abgewinnen können.

Was das mit mir als dickem Familienmitglied zu tun hat? Auf den ersten Blick wenig. Also wenig mit dem Fakt, dass ich dick bin. Auf den zweiten Blick schon.

Die Kriterien meiner Ursprungsfamilie haben sich mit dem Unfall radikal verändert. Bis zum Unfall war ich das schwarze Schaf in der Familie. Alle anderen waren erfolgreich, waren schlank und sahen gut aus. Ich war auch erfolgreich. Aber nach dem gängigen Schönheitsideal konnte ich besonders beim Thema Schlank sein keine Punkte machen. Entsprechend musste ich mir viele dumme Bemerkungen anhören, ich hatte eigentlich nie das Gefühl, richtig dazuzugehören. Und so akzeptiert zu werden, wie ich bin. Stattdessen musste ich mir immer wieder Diätratschläge anhören. Ganz zu schweigen, von den entsprechenden Erfolgsstories von Frau Meyer und Frau Schmitt. Erfolg wurde in unserer Familie eben sehr hochgehalten und Erfolg war auch gleichzeitig mit einer schlanken Figur gekoppelt – besonders für die weiblichen Familienmitglieder.

Seit dem Unfall ist dies anders. Erfolg spielt im Wertesystem nicht mehr so eine große Rolle. Eigentlich fast gar keine mehr. Ersetzt wurden sie von Zugehörigkeit und glücklich sein. Die Zugehörigkeit, oder vielleicht sogar besser, der Zusammenhalt ist wichtig, weil so eine Situation Familien natürlich auch zerreissen kann und das will von uns keiner. Entsprechend finden die einen oder anderen Auseinandersetzungen auch nicht in der Härte statt, wie wir sie uns vielleicht vorher zugemutet hätten. Glückliche Momente gibt es mit meinem Bruder, wenn er lacht. Wenn er über einen Witz grinst. Und alle anderen Familienmitglieder können seit dem Unfall auch mein Glück anders wahrnehmen, als dicke Frau, die ihren eigenen Weg geht und sich nicht besonders um Frauenstereotype schert. Es gibt so gut wie keine Bemerkungen mehr, was meine Figur angeht – es gibt einfach wichtigeres.

Nun will ich nicht sagen, dass der Unfall gut für uns war. Das stimmt so gar nicht!!! Aber es gibt Facetten, in denen das Leben dadurch deutlich mehr Tiefgang gewonnen hat. Und für diese neue Dimension bin ich dankbar. Ganz zu schweigen, für den reduzierten Druck auf mich und meine Figur.

 

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4 Gedanken zu „Wie ein Unfall mein Leben als dickes Familienmitglied veränderte

  1. Pingback: Leseabend: Wie sich in der Familie Perspektiven verändern können | Du bist gut so!

  2. Ja, wie schade, dass wir uns gerade in Familien immer über Dinge aufregen, die doch eigentlich total unwichtig sind. Wenn ich so drüber nachdenke, wie wir untereinander uns gegenseitig fertig machen, da würde uns ein bisschen Schock auch auf den Hintern setzen.

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  3. Vielen Dank für den wunderbaren Einblick auf Eure Situation, die mich sehr berührt hat. Ist es nicht abstrus, dass solche Einschnitte ins Leben das wirklich Wichtige des Lebens nach oben spülen? Gottseidank habt ihr die Chance gut genutzt. Manche zerbrechen auch daran, weil ihr Wertesystem zusammenfällt wie ein Kartenhaus – und das oft das einzige ist, was Bestand hatte.
    Ich wünsche Dir und Deiner Familie alles Gute.
    chris.

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