Staatlicher Schutz vor Diskriminierung?

Ein Diskussionspapier – entstanden auf dem Workshop „Gut so“ im November 2014Blaue frau

2009 hat die Europäische Kommission eine Richtlinie gegen Diskriminierung erlassen. Dabei ist explizit der Arbeitsmarkt genannt, denn hier kommt es oft zu Diskriminierungen. Die nationalen Staaten in der EU haben im Anschluss dieses Gesetz in nationales Recht umgewandelt, so ist die gängige Praxis in der EU. Leider findet sich weder im Europäischen noch im deutschen Recht eine Klausel wieder, die dicke Menschen vor Diskriminierungen schützt. Es sei denn, sie sind so dick, dass eine Behinderung anerkannt werden kann. Dann greift die Anti-Diskriminierungsrichtlinie, weil behinderte Menschen nicht diskriminiert werden dürfen. In Dänemark hat im Sommer 2014 ein Tagesvater geklagt – ihm war gekündigt worden mit der Begründung, dass er mit seinem Gewicht die Stelle nicht mehr ausführen könne. Wird ihm nun zugesprochen, dass sein Gewicht einer Behinderung gleichkommt, dann könnte das Anti-Diskriminierungsgesetz greifen und er könnte sich wieder in seine Stelle einklagen. Wird es als nicht behindert eingestuft, dann ist er ja nur dick und damit hat er keinen Schutz. Dieses Beispiel macht sehr deutlich, wie absurd hier die Rechtsprechung ist. Alle Randgruppen erhalten Schutz und werden weitestgehend durch das Allgemeine Gleichstellungsgesetz abgedeckt. Nur dicke Menschen fallen da nur darunter, wenn sie es geschafft haben, aufgrund des Gewichts einen Behindertenstatus anerkannt bekommen zu haben.

Eine mögliche Lösung, wenn auch sicherlich als Notlösung anzusehen, wäre den Behindertenstatus auszuweiten. Eine anerkannte Behinderung, festgestellt durch die Regelungen der Schwerbehindertengesetzes erleichtern Menschen ein bisschen das Leben. Und genau dafür gibt es das Schwerbehindertengesetz. Der Gesetzgeber will Nachteile, die ein Mensch durch eine Behinderung hat, durch finanzielle Vorteile und unterschiedliche Hilfen ausgleichen. Bisher ist in den Regelungen zu lesen, dass Adipositas ohne Folgeerkrankungen nicht als Behinderung einzustufen ist. Neben der ganzen Liste von Krankheiten, die im Schwerbehindertenrecht aufgeführt werden, ist also die Volkskrankheit Adipositas plötzlich keine Krankheit mehr. Selbstverständlich wollen wir keine Krankheiten gegeneinander aufwiegen. Zumal wir der Meinung sind, dass Gewicht per se keine Krankheit ist. Nur der Widerspruch ist bemerkenswert. In vielen Arztpraxen ist Übergewicht eine schlimme Krankheit, wenn es dann aber um die Empathie geht, diesen sehr kranken Menschen über eine Behindertenstatus das Leben zu erleichtern, dann ducken sich alle schnell weg.

Nun gibt es gegen diese These auch Widerstand. Genauer nach den Bildern befragt, die diesen Widerstand hervorrufen, kommt dann der arme Rollstuhlfahrer, der doch nichts für seinen Zustand kann und den man doch nicht mit den essenden, dicken Menschen, die eine Diät machen könnten, vergleichen darf.

Stopp, in mehrfacher Hinsicht: Zunächst sitzt nicht jeder Behinderte im Rollstuhl. Die Anerkennung von einer Behinderung gibt es für sehr, sehr viele Krankheiten. Auch Krankheiten, bei denen eine Heilungsaussicht vorhanden ist, die aber Zeit braucht. Bis zum Heilungszeitpunkt kann ein bestimmter Behinderungsgrad anerkannt werden. Und auch für Behinderungen, die Menschen selbst verschuldet haben. Denn das ist in unseren Augen die zentrale Frage, die Frage nach der Schuld. Nach unserer Ansicht, wird eine körperliche Einschränkung aufgrund von Adipositas nicht gewährt, weil dicken Menschen die Schuld an ihrer „Krankheit“ zugesprochen wird. In anderen Fällen in denen auch ein kranker Mensch schuld an seiner Krankheit ist, wird die Behinderung anerkannt. Und es werden hier keine Vorwürfe gemacht, möglicherweise werden Empfehlungen zur Veränderung des Lebensstils für eine bessere Heilung ausgesprochen. Denn auch der arme Rollstuhlfahrer kann sehr wohl Schuld an seiner Behinderung sein. Das hilft bloß ihm genauso wenig wie dem dicken Menschen.

Nun ist die Anerkennung des Behindertenstatus nach dem Behindertengesetz entwickelt worden, um einen kleinen Ausgleich für die Benachteiligung behinderter Menschen zu schaffen. Gerade sehr dicke Menschen könnten besonders von einem Behindertenausweis profitieren, weil er es ihnen ermöglicht, beispielsweise auf einem Behindertensitz im Bus Platz zu nehmen oder mit der Nutzung eines Behindertenparkplatz die Möglichkeit zu haben, nicht zu lange Wege gehen zu müssen. Das spricht natürlich gegen so gehässig, menschenverachtende Gedanken wie, soll die dicke Frau doch gehen, Bewegung wird ihr nicht schaden. Der Gedanke, dass dieser Frau vielleicht jeder Schritt weh tut und es für sie eine große Erleichterung wäre, nicht weit laufen zu müssen, muss auch bei dicken Menschen gelten dürfen. Aus der Seminarrunde berichtet eine Teilnehmerin aus ihrem Studium in alten sehr hohen Räumlichkeiten. Eine Vorlesung war unterm Dach, jede Woche musste sie sich über viele Stufen dort hinauf quälen. Der Besuch einer Veranstaltung vorher war ihr verwehrt, weil der Aufstieg zu viel Zeit kostete. Es gab auch einen Fahrstuhl. Den Schlüssel bekamen aber nur Menschen mit einem Behindertenausweis.

Wenn es also darum geht, dass wir Menschen mit Einschränkungen das Leben möglichst leicht machen wollen, dann finden wir das dicke Menschen dazugehören können. Das heißt nicht, dass dicke Menschen automatisch behindert sind. Aber sie können es sein, wenn sie das Gefühl haben, dass die Teilhabe für sie am gesellschaftlichen Leben nicht mehr möglich ist und Unterstützung für sie hilfreich wäre. Das ist eine Entscheidung, die sich nicht aber einem gewissen BMI oder allgemein für dicke Menschen festlegen lässt. Aber es gibt sie, die Menschen, die sich immer mehr ausschließen, weil sie Angst haben, dass sie einen Weg nicht schaffen oder dass sie sowieso mit Diskriminierungen zu rechnen haben. Jenseits der eigenen Stärkung und der Arbeit an den eigenen Möglichkeiten, kann eine anerkannte Behinderung auch bei dicken Menschen dazu beitragen, dass sie besser am gesellschaftlichen Leben teilhaben können und auf der Hand liegende Benachteiligungen ausgeglichen werden. Deshalb fordern wir, Adipositas in die Liste der anerkannten Krankheiten zur Anerkennung eines Behindertenstatus aufzunehmen und nicht wie bisher, als einzige „Krankheit“ explizit auszuschließen.

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4 Gedanken zu „Staatlicher Schutz vor Diskriminierung?

  1. Pingback: Sollten dicke Menschen einen Behindertenausweis beantragen dürfen? | Du bist gut so!

  2. Gut, etwas Provokation kann ich ja verstehen… Aber dieser Text wirkt leider eher so, als hätte der Verfasser keine Ahnung vom Thema, Und was ich noch schlimmer finde, es ist ja nicht ersichtlich, dass das nur provozieren soll, so besteht die Gefahr, dass der uninformierte Dicke dann mit diesem „Wissen“ glänzt und in Gesellschaft als der „etwas dumme“ quengelnde Dicke da steht, der einen Parkplatz direkt an der Tür will (…was im Übrigen sehr schwer zu erlangen ist, also nur mit einer sehr schweren Gehbehinderung!) und einen Sitzplatz im Bus, nur weil er eben dick ist… Ob man damit Jemandem einen Gefallen tut, ist fraglich… Meine Meinung….
    Nur nochmal kurz: Im Behinderungskatalog (Anhaltspunkte für die ärztliche Gutachtertätigkeit) werden ja auch nur Funktionseinbußen bewertet, nur „Übergewicht“ sagt ja nichts aus, es ist eben keine Behinderung… Erst, wenn auch eine Funktionseinbuße (Gehbehinderung, Diabetes, Gelenkschäden oder was auch immer) nachgewiesen werden kann, kommt eine Bewertung zum tragen, eben dann dafür… Sorry, aber für mich klingt das gerecht und richtig… Ich selbst möchte nicht nur, weil ich dick bin (…und das bin ich, und nicht nur ein bisschen!), als Behinderte eingestuft werden… Das wär für mich eine Diskriminierung… Ich hab hier das Gefühl, es geht in die falsche Richtung… Sorry, „kurz“ kann ich wohl nicht… *lach*

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  3. Leider habe ich keine Zeit, an dieser Diskussion teilzunehmen… Ich komme beruflich aus der Sparte „Schwerbehinderung“…. Bei der Beurteilung einer Behinderung geht es nicht um den Grund, sondern um die daraus entstehenden Funktionsbehinderungen… Benötigt also ein dicker Mensch aufgrund einer schweren Gehbehinderung einen Behindertenparkplatz oder kann er wegen seiner Konstitution nicht am öffentlichen Personennahverkehr ohne einen Sitzplatz teilnehmen, so erhält er nach dem Nachweis dieser Störungen ggf. die erforderlichen Genehmigungen in Form von Schwerbehindertenausweis oder Parkerleichterung… Der Dicke an sich, also der ohne das normale Leben störenden Krankheitserscheinungen, hat keine Berechtigung für einen Behindertenstatus… Warum auch? Er hat ja nichts…. Ich verstehe die Argumentation nicht…
    Somit steht der gesamte Text dieser Veranstung auf sehr wackligen Füßen…. Das Schwerbehindertenrecht schützt den Menschen mit Behinderung, also entsprechenden Funktionseinbußen im normalen Leben, die ein gesunder Mensch eben nicht hat… Dafür soll es einen Ausgleich geben in Form verschiedener Vorteile… Einfach nur Dicksein ohne Krankheitsbild ist ebne keine Behinderung… Ob Jemand Schuld an seiner Behinderung hat, wird im Schwerbehindertenrecht gar nicht beachtet, dann müssten ja auch Raucher bei Lungenkrebs keinen Ausweis bekommen, oder Sportler nach einem Unfall…. Das ist Unsinn… Ich weiß ja nicht, wer diesen Text verfasst hat, aber da mangelt es an Recherche…

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