Körperzufriedenheit – ein Recht für jeden Menschen

von Gisela Enders

Ich bin in den letzten Tagen viel nach unserem neuen Projekt „Du bist gut so, wie Du bist!“ gefragt worden. Und da ich es vor einigen Monaten für einen Projektantrag bei der Aktion Mensch entwickelt habe, möchte ich meine Gedanken gerne hier wiedergeben. Die Vorgabe der Aktion Mensch in ihrem Programm „Noch viel vor“ ist die Verständigung von Menschen mit und ohne Behinderung. Nun habe ich überlegt, zu welchem Thema könnten sich behinderte und dicke Menschen auseinandersetzen. Zu ihrem Körper. Und der Frage, wie es gelingen kann, diesen mit allen seinen Einschränkungen zu lieben und mit ihm und dem was er kann, ein zufriedenes Leben zu leben.

Nachdem ich einen Augenblick darüber nachgedacht hatte, wurde meine Neugierde geweckt. Gibt es Gemeinsamkeiten, gibt es Unterschiede? Meine Vermutung ist, dass es Unterschiede gibt. Die meisten Menschen werden durch die Medien und die allgemeine Stimmung in der Gesellschaft angehalten, auf ihr Gewicht zu achten. Und es wird ihnen suggeriert, dass sie dies „unter Kontrolle“ halten können. Wenn ihnen dies nicht gelingt, sind sie selbst schuld an ihrem Gewicht. Je dünner, je besser. Erst ab einem gewissen sehr geringen Gewicht, schlägt die Schuld in die andere Richtung um. Bis den meisten von uns in diese Richtung ein Problem auffällt, liegt häufig gefährliche Magersucht vor. Aber das nur so nebenbei – Körpergewicht wird als ein modellierbarer Umstand verstanden, der veränderbar zu sein scheint. Das dies nur 5 Prozent der Menschen auf lange Sicht gelingt, wird dabei geflissentlich übersehen. Selbst Menschen, die daran scheitern, geben sich selbst die Schuld, anstatt entspannt wahrzunehmen, dass unser Körper sein Gewicht einpendelt, so wie er auch unsere Fingernägel oder Haare wachsen lässt. Stoffwechsel ist komplexer als die banale Annahme, was man zu viel rein tut, produziert Gewicht.

Bei behinderten Menschen bin ich eher neugierig. Ich war und bin nicht behindert, verbringe dennoch mein Leben mit körperlich behinderten Menschen. Eine spannende Erkenntnis habe ich besonders in meiner Jugend gemacht. Damals meinten noch mehr Menschen in mein Gewicht reinzureden. Nun gab es um mich herum Menschen, denen fehlte beispielsweise ein Arm oder ein Bein. Während mein Gewicht und was ich dagegen tun könnte, gerne ein breites Gespräch am Kaffeetisch war, wurden die Einschränkungen der behinderten Menschen im Kollektiv grundsätzlich nicht angesprochen, eher sogar tabuisiert. Kann es sein, dass wir über die Einschränkungen von Menschen, bei denen wir keine Idee haben, wie wir helfen könnten, lieber gar nicht zur Kenntnis nehmen? Nicht hinschauen hilft, nicht darüber nachdenken zu müssen. Das hat ja auch eine gewissen Logik, wenn man von der Möglichkeit der Gewichtsveränderung ausgeht. Ein fehlender Körperteil wird nicht wieder anwachsen, egal, wie viele gut meinende Tipps ich habe. Ich bin sehr neugierig, ob meine Vermutung von behinderten Menschen bestätigt wird, dass nicht Schuldzuweisungen es schwer machen, mit dem eigenen Körper zufrieden zu leben, sondern eher Tabuisierung oder „Katastrophenmitleid“ zum Problem werden. Wie einsam muss der Umgang mit dem eigenen Körper bzw. dessen Einschränkungen sein, wenn der einzige Mensch, mit dem man offen darüber sprechen kann, der Prothesenbauer ist? Wenn ein wesentliches Ziel ist, die Behinderung möglichst ungesehen und unbemerkbar zu machen? Soweit dies irgendwie geht. Denn es geht ja nicht immer. Viele Behinderungen bleiben sichtbar und die Menschen sind auf Hilfe von Anderen angewiesen. Hier bin ich gespannt, auf das Gefühl von Scham und Schuld, wenn diese erbeten oder eingefordert wird.

Für viele dicke Menschen fühlt es sich nach wie vor sehr komisch an, in einem Restaurant um einen anderen Stuhl zu bieten, weil eingequetschte Hüften nicht zum Genuss beitragen. Aus Scham, sich als dick outen zu müssen, nehmen eben viele die blauen Flecken an der Hüfte in Kauf. Wie ist dies nun für einen Rollstuhlfahrer. Die Beschränkung beginnt hier vor dem Restaurant, viele sind für ihn schicht nicht zugänglich. Ganz zu schweigen, von der Inneneinrichtung Toiletten und so fehlen häufig für Behinderte. Allerdings würde ich hier als Emotion eher Wut oder Resignation vermuten, weniger eigene Schuld, dass man dieses Restaurant nicht besuchen kann. Vielleicht sind Rollstuhlfahrer auch schon so daran gewöhnt, Restaurants nach ihren Bedürfnissen auszusuchen, dass es zu solchen Vorfällen gar nicht mehr kommt. Wenn sie nun aber in ein Restaurant hereinfahren und Stühle umgestellt werden müssen, damit der Rollstuhl Platz am Tisch hat. Ist da ein Gefühl von Scham und Schuld? Ich vermute nicht. Vielleicht ein unangenehmes Gefühl, Umstände zu machen.

Ein weiteres Beispiel aus dem Reiseverkehr. Flugreisen. Es gibt ein Recht auf Beförderung. Während dies bei behinderten Menschen von den Airlines zum Teil dadurch umgesetzt wird, dass eine Begleitperson kostenlos mitreisen darf, kommt bei dicken Menschen immer wieder die Idee auf, für einen zweiten Platz bezahlen zu müssen. Ich weiß nicht genau, wie gut oder schlecht behinderte Menschen in Flugzeugen behandelt werden. Aber ich weiß aus eigener Erfahrung, wie es zum Teil schon schwierig ist, vor dem Abheben eine Gurtverlängerung zu bekommen. Ganz zu schweigen von dem Ansinnen, die Armlehne runterzudrücken – bitte wohin? Und den angewiderten Blicken von Mitreisenden, die Gefahr laufen, neben mir sitzen zu müssen. Da ist es schwer, lustvoll und ohne Schamgefühl in der Luft zu reisen.

Stellt sich die Frage, ob die vermeintliche Veränderbarkeit des Gewichts alleine daran schuld ist, dass dicke Menschen wahrscheinlich weniger selbstbewusst mit ihrem Körper umgehen können. Oder ob nicht auch durch die deutlich längere und intensivere Lobbyarbeit gegen die Diskriminierung behinderter Menschen in der Gesellschaft ein anderes Klima entstanden ist, was Fragen von Schuld und Scham obsolet macht. Wieviel darf sich im Kopf eines behinderten Menschen der Gedanke an Teilhabe, Recht auf den eigene Körper und Körperfreude breitmachen und wieviel ist dies für einen dicken Menschen möglich? Ich glaube das hier viele Behindertenverbände und viele einzelne Behinderte sehr, sehr viel geleistet haben. Ich würde sogar soweit gehen, dass die Gesellschaft geneigt ist, einem behinderten Menschen sein höheres Gewicht zu verzeihen, weil er möglicherweise nichts dafür kann. Lobbyverbände für dicke Menschen haben da noch einen weiten Weg vor sich. Leider sind sie derzeit – zumindest in Europa – alle noch sehr, sehr klein. Und Förderung erhalten sie in nur ganz wenigen Fällen – in diesem Fall, weil wir uns mit Behinderten auseinandersetzen. Ich würde mich freuen, wenn wir was draus machen.

 

 

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